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ADHS / ADS

ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit /Hyperaktivitätsstörung) beziehungsweise ADS (Aufmerksamkeitsdefizitstörung ohne ausgeprägte Hyperaktivität) ist eine besondere neurobiologische Ausprägung der Aufmerksamkeit, der Impulssteuerung und der Regulation von Motivation und Aktivitätsniveau. Sie beginnt in der Kindheit und prägt die Wahrnehmung, das Erleben und das Verhalten über die gesamte Lebensspanne. Aus den frühen Erfahrungen entwickeln sich beim Erwachsenen sehr individuelle Persönlichkeitsmerkmale, Strategien und Bewältigungsformen.

ADHS ist keine einheitliche Normabweichung, sondern zeigt sich als breites Spektrum unterschiedlicher Ausprägungen und Intensitäten. Manche Betroffene sind vorwiegend unaufmerksam und verträumt (ADS), andere stark impulsiv und hyperaktiv, viele zeigen eine Mischform. Die Intelligenz ist durch ADHS im Allgemeinen nicht beeinträchtigt; Menschen mit ADHS finden sich in allen Bereichen der Intelligenzverteilung. Allerdings nutzen viele ihre kognitiven Fähigkeiten, um Schwierigkeiten zu kompensieren und sich an die Anforderungen ihrer Umwelt anzupassen. Gelingt dies nicht ausreichend, werden sie häufig als undiszipliniert, unzuverlässig oder leistungsunwillig wahrgenommen – Zuschreibungen, die dem inneren Erleben der Betroffenen selten gerecht werden.

Im Alltag begegnen Sie daher vor allem Erwachsenen mit ADHS, die Wege gefunden haben, ihre Besonderheiten zumindest teilweise zu integrieren. Andere scheitern immer wieder an Erwartungen, Strukturen und Bewertungen und ziehen sich zunehmend zurück. Viele dieser Biografien bleiben unsichtbar.

Hier eine Auswahl typischer primärer Besonderheiten:

Aufmerksamkeit und Fokus

Die Aufmerksamkeit ist schwer steuerbar. Alltägliche, wenig stimulierende Aufgaben erfordern enorme Anstrengung und werden aufgeschoben oder abgebrochen. Gleichzeitig können sich Betroffene bei starkem innerem Interesse über Stunden oder Tage extrem fokussieren (Hyperfokus), wobei sie Zeit, Hunger oder Erschöpfung kaum wahrnehmen.

Impulsivität und Emotionsregulation

Gedanken, Gefühle und Handlungen sind oft nur schwach gebremst. Reaktionen erfolgen schnell, ungefiltert und direkt. Emotionen werden intensiv erlebt und ebenso intensiv gezeigt. Ärger, Frustration oder Begeisterung können rasch eskalieren und ebenso abrupt wieder abflauen.

Aktivitätsniveau

Bei vielen zeigt sich eine innere oder äußere Unruhe. Das kann sichtbare Bewegungsaktivität sein, aber auch ein permanentes inneres Getriebensein, Grübeln oder geistige Rastlosigkeit. Andere – insbesondere bei ADS – wirken nach außen ruhig, kämpfen jedoch innerlich mit Antriebsschwäche und mentaler Überforderung.

Zeit- und Aufgabenwahrnehmung

Zeit wird oft verzerrt erlebt. Zukünftige Aufgaben erscheinen fern und abstrakt, während unmittelbare Reize übermächtig sind. Deadlines werden unterschätzt oder erst dann ernst genommen, wenn sie bedrohlich nahe rücken. Der Alltag ist geprägt von Vergessen, Verlegen und dem Gefühl, ständig hinterherzulaufen.

Arbeitsgedächtnis und Organisation

Informationen lassen sich schwer gleichzeitig im Blick behalten. Planung, Priorisierung und Strukturierung kosten unverhältnismäßig viel Energie. Ordnung wird entweder krampfhaft hergestellt und ebenso schnell wieder verloren – oder völlig vermieden.

Wahrnehmung und Reizverarbeitung

Viele Menschen mit ADHS reagieren sensibel auf Umweltreize. Geräusche, visuelle Unruhe oder Gerüche lenken ab oder überfordern. Eindrücke werden ungefiltert aufgenommen, was zu schneller Ermüdung und Stress führt.

Stress und Zusammenbruch

Wenn Anforderungen, Reizüberflutung und Selbstkontrolle die verfügbaren Ressourcen übersteigen, kommt es zu abrupten Einbrüchen: emotionale Ausbrüche, völlige Blockade, Rückzug oder tiefe Erschöpfung. Diese Zustände lösen sich meist eigenständig wieder, hinterlassen aber Scham und Selbstzweifel.

Motivation und Interesse

Motivation ist stark interessengeleitet. Was innerlich „zündet“, wird mit großer Hingabe verfolgt. Was dies nicht tut, bleibt trotz Einsicht und guter Vorsätze liegen. Dieses Muster wird häufig missverstanden als Faulheit oder mangelnde Willenskraft.

Soziale Interaktion

Offenheit, Spontaneität und Humor können Stärken sein. Gleichzeitig führen Impulsivität, Unterbrechen oder Abschweifen in Gesprächen zu Konflikten. Viele Betroffene haben die Erfahrung gemacht, „zu viel“ oder „zu anstrengend“ zu sein, und entwickeln daraufhin Rückzugs- oder Anpassungsstrategien.

Obwohl sich Menschen mit ADHS in ihren Merkmalen stark unterscheiden, verbindet sie oft eine gemeinsame Erfahrung: das Gefühl, dauerhaft gegen innere Widerstände und äußere Erwartungen anzukämpfen und das eigene Potenzial nur unter großem Kraftaufwand abrufen zu können.

ADHS ist weder eine Frage der Disziplin noch reines Erziehungs- oder Motivationsproblem. Es handelt sich um eine neurobiologische Besonderheit, die auch genetisch beeinflusst ist. Sie ist nicht „heilbar“, wohl aber verstehbar und gestaltbar. Im Coaching oder in begleitenden therapeutischen Kontexten geht es daher nicht darum, ADHS zu beseitigen, sondern die Besonderheiten als Rahmenbedingung zu akzeptieren.

Menschen mit ADHS verfügen häufig über Kreativität, Ideenreichtum, Spontaneität, Empathie und die Fähigkeit, sich mit außergewöhnlicher Intensität für Themen zu begeistern. In einem passenden Umfeld können daraus besondere Leistungen entstehen. Schwieriger wird es dort, wo starre Strukturen, monotone Anforderungen und permanente Selbstkontrolle dominieren.

Es gibt im Übrigen auch Menschen mit sowohl autistischen Merkmalen als auch ADHS / ADS.

Sollten Sie sich in diesen Beschreibungen wiederfinden, sind Sie nicht allein. Viele Betroffene haben im Laufe der Jahre hilfreiche Strategien entwickelt und Erfahrungen gesammelt. Dieses Wissen wächst kontinuierlich – und kann dabei helfen, den eigenen Weg bewusster und zufriedener zu gestalten.

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