Autismus ist eine Besonderheit in der frühen Ausprägung der Wahrnehmung und der Entwicklung bestimmter Funktionen des Gehirns. Für das Kind ergeben sich daraus sehr eigene Erfahrungen und für den Erwachsenen entwickeln sich aus diesen Erfahrungen eigene Persönlichkeitsmerkmale und Verhaltensweisen.
Viele Funktionen können in unterschiedlichem Maße verändert sein. Es gibt daher nicht die eine autistische Normabweichung, sondern ein weites Spektrum an spezifischen Ausprägung und Intensitäten.
Die Intelligenz ist durch die autistische Ausprägung im Allgemeinen nicht betroffen, es gibt autistische Persönlichkeiten mit allen Ausprägungen von Intelligenz. Allerdings nutzen viele Autisten ihre Intelligenz, um sich ihrer Umwelt anzupassen. Gelingt das nicht in ausreichendem Maße, werden die Betroffenen als schwer behindert klassifiziert und an den Rand der Gesellschaft gedrängt. Den meisten Menschen bleiben diese Schicksale verborgen. Im Alltag werden Sie daher vor allem Autisten mit einer höheren Intelligenz antreffen, die es schaffen, sich eben durch diesen Vorteil mehr oder weniger erfolgreich zu integrieren.
Hier eine Auswahl an diesen primären Veränderungen:
Personen, auch enge Bezugspersonen, werden gegenüber unbelebten Objekten, Pflanzen und Tieren nicht als herausgehoben wahrgenommen. Die soziale Bindung setzt viel später ein und ist schwächer ausgeprägt. Die mentale Entwicklung zum Erwachsenen ist häufig um mehrere Jahre verzögert. Erst ab Mitte 20 etwa haben die meisten Autisten dann ihre Altersgenossen eingeholt.
Sehr viele Autisten sind unbeholfen mit nonverbaler Kommunikation. Sie vermeiden Augenkontakt. Soziale Berührungen, Umarmungen, Händeschütteln sind unangenehm für sie. Sie wenden sich vom Gesprächspartner ab. Soziale Gesten, wie Weinen, Lachen, Lächeln, wirken unmotiviert oder auch überzogen.
Autisten haben eine schlechte Körperwahrnehmung. Sie nehmen häufig Hunger, Durst, Schmerz oder ähnliche Signale des Körpers erst war, wenn bereits deutliche Einschränkungen zu erkennen sind. Sie können ihre Bewegungen häufig schlecht koordinieren und benötigen für motorisches Lernen deutlich mehr Wiederholungen und Fokus. Sie fallen daher oft hin oder können schlecht Bälle fangen oder werfen.
Sie können aber sehr gute Ausdauersportler oder Tänzer sein.
Auch die Körperpflege bei Autisten muss aus diesem Grund häufig gezielt trainiert und verbessert werden.
Viele Autisten haben allerdings auch eine deutlichere Wahrnehmung von Umwelteinflüssen. Sie sehen, hören, riechen und schmecken mehr und intensiver. Sie sind empfindlicher für taktile Empfindung. Viele haben synästhetische Wahrnehmungen.
Neben der intensiveren Wahrnehmung liegt auch häufig die Wahrnehmungsschwelle tiefer. Eindrücke werden ungefiltert wahrgenommen. Das löst sehr häufig Überforderung und massiven Stress aus.
Wenn Stress und Überreizung die mentale Resilienz überwältigen, fallen Autisten abrupt in ein merkwürdiges Schutzverhalten, das sehr individuell ausgeprägt ist. Das können unkontrollierbare Wutausbrüche bis hin zur Gewalt gegen sich und andere sein. Das kann aber auch ein Rückzug in sich selber sein, bis hin zur katatonischen Erstarrung. Der Zustand wird auch als Meltdown bezeichnet und der Begriff beschreibt recht gut das Wegschmelzen der mentalen und körperlichen Präsenz und Steuerungsfähigkeit in dieser Überforderung. Auch die aggressive Formen münden schlussendlich in eine tiefe Erschöpfung und einen Rückzug.
Der Rückzug dauert wenige Stunden bis mehrere Tage und löst sich selbständig wieder auf. Oft haben die Betroffenen keine Erinnerungen mehr an den Zusammenbruch.
Auch wenn sich Autisten im Grunde in keinem Merkmal wirklich gleichen, eint sie jedoch diese sehr typischer Erfahrung.
Viele Autisten sind auf Strukturen fixiert. Das sind häufig sortierte oder geordnete Reihen, können aber auch völlig chaotische Strukturen sein, deren Qualität sich nur Einzelnen erschließt. Sie sind dann häufig auf diese Strukturen so fixiert, dass Änderungen wenig toleriert werden und unvorhergesehene Störungen nur mit enormen Stress kompensiert werden können. Diese Strukturen beschränken sich nicht nur auf räumliche Anordnungen, sondern auf Pläne und Vorhaben und gedankliche Strukturen und Kategorien.
Unvorhergesehene Ereignisse können Autisten in tiefe Verzweiflung und eine katatonische Erstarrung lenken, aus der sie sich nur schwer wieder lösen können.
Autisten neigen zu starren und binären Wertesystemen und haben Schwierigkeiten mit Kompromissen und Zwischentönen.
Autisten haben häufig sehr individuelle Präferenzen bei der Wahl ihrer Lebensmittel, deren Zubereitung und selbst beim Ritual der Nahrungsaufnahme. Sie können bestimmte Lebensmittel, Zubereitungen oder Darreichungsformen ebenso vehement ablehnen und würden eher verhungern oder verdursten, als das verschmähte Angebot anzunehmen.
Eltern autistischer Kinder können ein Lied davon singen und sind in steter Sorge auf Grund der durchaus einseitigen Ernährung ihrer Kinder.
Autisten sind häufig extrem loyal. Wenn sie sich für eine Option oder eine Partei entschieden haben, werden sie diese Position beharrlich und unter großen persönlichen Opfern verteidigen.
Viele Autisten haben ein ausgeprägtes inneres Erleben. Sie sind kreativ und phantasievoll und können in ihren inneren Welten vollständig aufgehen. Das kann bis hin zu einer Verschmelzung von Wahrnehmungen und Erinnerungen aus realer Umwelt und inneren Bildern führen.
Autisten gelingt es in hohem Maße, sich ihrem jeweiligen Interessengebiet mit absoluter Hingabe zuzuwenden. Sie sind dabei in der Lage ihre Umwelt fast vollständig auszublenden. Diese Fokussierung kann über Stunden und Tage aufrecht erhalten werden.
Sie sind sehr wohl in der Lage, dieses Interesse auch auf andere Gebiete zu lenken, dann aber oft mit der selben unausweichlichen Absolutheit.
Sie sind - sollte es das überhaupt geben - im Grund nicht fähig zum Multitasking.
Autisten haben häufig ein anderes Zeitempfinden. Sie können auch nach Jahren ohne Kontakt bruchlos an zurückliegende Begegnungen anknüpfen, als wären sie gerade erst passiert. Sie verfügen häufig über eine sehr schnelle Auffassungsgabe und schnelle Orientierung. Sie können sich aber ebenso gut lange in ein Thema vertiefen und dabei alles um sie herum vergessen. Da sie die Zeit darin nicht erleben, können sie auch zu sehr ungewöhnlichen Tageszeiten aktiv werden.
Viele Autisten lieben es, anderen über ihre besonderen Interessen zu erzählen. Sie können lange, ausschweifend und detailversessen darüber sprechen und verfallen bei nachlassendem Interesse des Gegenübers in selbstvergessene Monologe.
Einige dieser Merkmale sind auch Kriterien für eine Diagnose nach ICD-11 (6A02) für eine Autismus-Spektrum-Störung (ASS).
Aus diesen Besonderheiten in der Entwicklung entstehen markante Verhaltensauffälligkeiten der Erwachsenen und diese sind dann Gegenstand eines möglichen Coachings.
Der australische Arzt Tony Attwood hat in Bezug auf Autismus als Krankheit oder Leiden gesagt, dass Autismus eher ein Leiden der Mitmenschen sei und erst dadurch indirekt auch ein Leiden der Betroffenen auslöst. Im Coaching wird dieser Zusammenhang in Rahmen von systemischen Methoden bewusst genutzt.
Autismus ist nicht heilbar, noch therapierbar. Die Veränderungen sind so manifest und teilweise genetisch beeinflusst, dass keine ursächliche Therapie möglich ist. Auch im Coaching werden autistische Verhaltensauffälligkeiten immer als Rahmenbedingung für die Entwicklung betrachtet, nicht als Makel. Autisten verfügen über besondere Fähigkeiten, die sie im richtigen Rahmen zu besonderen Leistungen befähigen.
Sollten Sie sich in diesen Besonderheiten wiederfinden, freue ich mich darauf, Sie kennenzulernen. Vielleicht machen Sie einen der Tests auf dieser Seite, die Ihnen möglicherweise helfen, Ihre besonderen Eigenheiten einzuordnen.
Seit vielen Jahren tragen Autisten und Betreuer hilfreiche Methoden zusammen und sammeln Erfahrungen bei der Bewältigung häufiger Probleme. Sie sind nicht allein. Sie können von diesem wachsenden Netzwerk profitieren.
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